Warum haben wir FOMO?

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FOMO

Vielleicht haben Sie zumindest eine ungefähre Vorstellung von der Bedeutung dieses Begriffs. Vor allem jüngere Menschen werden erklären können, was es mit diesem Akronym auf sich hat. Aber was genau verbirgt sich hinter dieser FOMO (Fear Of Missing Out) und warum haben wir Angst davor, etwas zu verpassen?

Evolution

Wie Darwin schon vor 150 Jahren erkannte, lassen sich viele Eigenschaften des Menschen darauf zurückführen, dass sie dem Individuum einen Überlebensvorteil verschaffen. Dieser Gedanke lässt sich auch auf viele Ängste übertragen. So ist es rational nachvollziehbar, dass ein Höhlenmensch bessere Überlebenschancen hat, wenn er instinktiv vor einer Schlange flieht, anstatt sie mit einem spitzen Stock zu provozieren. Auch viele soziale Konstrukte lassen sich mit diesem Gedanken erklären. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, ist er auf seine Mitmenschen angewiesen. Individuen, die sich in ihrer Gruppe besser etablieren, hatten in der Regel bessere Chancen, ihr Erbgut an zukünftige Generationen weiterzugeben. Auch hier entsteht ein evolutionärer Vorteil. Die Beteiligung an den Aktivitäten der eigenen oder auch anderer Gruppen lässt sich also hinreichend als evolutionär relevanter Faktor identifizieren. Problematisch wird dieses in uns verankerte Grundkonzept allerdings, wenn man dem Höhlenmenschen nun ein Smartphone in die Hand drückt.

Social Media

Es ist sicher kein Zufall, dass FOMO als Begriff zu Beginn des 21. Patrick James McGinnis machte das inzwischen weit verbreitete Akronym 2004 erstmals populär und legte damit den Grundstein für ein Gefühl, das heute die meisten von uns kennen. Wenn Sie die Anfänge des Internets, wie wir es heute verwenden, mitverfolgt haben, erinnern Sie sich vielleicht an die Gründung von MySpace im Jahr 2003. Vielleicht haben Sie sogar noch ein altes Profil. Für Leser, die mit diesem Begriff nichts anfangen können. Es handelt sich dabei um eine Website, die heute als die erste weit verbreitete Social-Media-Website gilt.

Instagram

Würde man Ihnen die Aufgabe stellen, ein beliebiges soziales Netzwerk zu nennen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass Sie als erstes an Instagram oder Facebook denken würden. Wenig überraschend, wenn man sich aktuelle Nutzerzahlen anschaut. Instagram hat laut EU DAS Transparency Report 2024 allein in Deutschland 45 Millionen aktive Nutzer. Eine erschreckende Zahl, welche bereits genug Inhalt für eine eigene Diskussion liefern würde. Vorerst wollen wir uns aber auf ein systematisches Review der aktuellen Forschungslage zu FOMO und der Verwendung sozialer Medien konzentrieren.

Dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Nutzung des Internets und der Entstehung von FOMO gibt, haben wir bereits im historischen Kontext erkannt. Es gibt auch genügend Forschungsarbeiten, die sich mit den genauen Zusammenhängen beschäftigt haben. So wurde auch im Review der Forschungslage festgestellt, dass es einen systematischen Zusammenhang zwischen FOMO und einer exzessiven oder problematischen Nutzung von Instagram gibt. Dabei scheint der Zusammenhang bei Instagram stärker zu sein als bei den anderen betrachteten Netzwerken.

Eine mögliche Interpretation dieser Forschungsergebnisse findet sich in der Struktur der App. Viele der großen Creator auf Instagram sind für ihr extravagantes Leben bekannt. Dabei ist die Darstellung oft einseitig. Es werden nur die besten Momente aus der schönsten Perspektive gezeigt. Es scheint, als sei das Leben dieser Menschen voller Höhepunkte. Rückschläge, Langeweile oder peinliche Momente werden selten gezeigt. Das ist verständlich, da sich dieser Content im Internet nachweislich viel erfolgreicher verbreiten lässt. Bei den Followern entsteht aber ein verzerrtes Bild. Erwartungen, auch an das eigene Leben, können aufgrund dieser Wahrnehmung entstehen. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Selbstdarstellung im Internet meist idealisiert ist. Ein realistischer Einblick in das Leben anderer Menschen ist kaum möglich.

Insbesondere Unsicherheit und Impulsivität wurden identifiziert. Letztere ist sicherlich auf einen unregulierten Medienkonsum aufgrund mangelnder Inhibitionskontrolle1 zurückzuführen. Personen, die aufgrund ihrer Veranlagung und/oder ihres Umfelds weniger gut in der Lage sind, aufdringliche Bedürfnisse wie die Nutzung von Instagram zu unterdrücken, sind anfälliger für die ständige Versuchung, zum Handy zu greifen.

Ängste

Wie der Name schon sagt, ist FOMO eine Angst. Häufig bezieht sich diese Angst auf übertriebene Annahmen oder eine durch soziale Medien verzerrte Wahrnehmung des Lebens anderer Menschen. Grundsätzlich kann sie daher als irrationale Angst kategorisiert werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Grundlage der FOMO meistens auf diesen falschen Annahmen beruht. Die Lösung liegt daher in den allermeisten Fällen in einer Veränderung der Wahrnehmung. Der Versuch, an allem teilzunehmen, wird langfristig die Angst eher aufrechterhalten oder sogar verstärken. Auch wenn dies unintuitiv erscheint und die Angst kurzfristig tatsächlich lindert.

Es gibt eine bekannte Volksweisheit, die ich Ihnen mit auf Ihren Weg geben möchte:
„Wer zwei Hasen gleichzeitig jagt, wird keinen fangen.“

Mit anderen Worten: Anstatt alles erleben zu müssen, lernt man, die Ereignisse in seinem Leben vollständig zu erleben. Wer der Angst nachgibt, gerät unweigerlich in einen Teufelskreis. Denn je mehr man dem Drang nachgibt, dabei sein zu müssen, desto weniger ist man Teil dessen, was man gerade erlebt.

Fazit

Wir haben gelernt, dass es einen Höhlenmenschen in uns gibt, der darauf ausgelegt ist, evolutionäre Vorteile zu sichern. Wir haben auch gelernt, dass es einen Zusammenhang zwischen FOMO und sozialen Medien gibt. Weiterhin scheint es Persönlichkeitsmerkmale zu geben, welche diesen Zusammenhang verstärken können. Schließlich haben wir verstanden, dass unsere Ängste auf falschen Annahmen beruhen. Wie Sie unserem Ansatz entnehmen können, sind wir überzeugt, dass Sie in der Lage sind ihre Wahrnehmung und Bewertung zu verändern.

Mit dem neu gewonnenen Verständnis über die Auslöser und Gefühle der FOMO liegt es nun an Ihnen, einen bewussten Umgang in Ihrem Leben zu finden. Seien Sie sich der Täuschungen bewusst, denen Sie in den sozialen Medien begegnen werden, und überlegen Sie sich Strategien, wie Sie Ihre eigenen Verhaltenskreisläufe durchbrechen können.

1Inhibition: „Hemmung [engl. inhibition] … Ein Reflex kann durch den Einfluss höherer Zentren gehemmt werden, ebenso durch gleichzeitig auftretende andere Reize.“ (Dorsch Lexikon)

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